Freunde der Stadtbücherei Haltern am See e.V.

 

Begegnung mit Voltaire

von Eva Masthoff

 

 

Château Ferney-Voltaire (Foto: privat)

Im Mai endete in Haltern „Die Reise des Monsieur Arouet de Voltaire“. Inzwischen ist es Juli. Wir befinden uns auf der Heimreise aus dem Urlaub. Endlich liegt sie vor uns, die kleine Stadt Ferney-Voltaire. Es ist Samstag. Wochenmarkt! Verführerisch leuchten aufgeschnittene Melonen in der prallen Mittagssonne. Auf dem Weg zum Schloss lächelt am Hauptplatz ein in Bronze gegossener Voltaire milde auf seine „Kinder“ herab. Später erfahre ich, dass der „Sculpteur und Bronzeur“ Emile Lambert (1835-1897), Ende des 19. Jahrhunderts Eigentümer von Schloss Ferney, dieses Werk geschaffen und finanziert hat. Zahlreichen anderen seiner Werke begegnen wir später im Schlossgarten. Leider hat Voltaire diese Plastiken nie gesehen.

Zu unserer Rechten liegt plötzlich der alte Friedhof. „Aber wo ist das Schloss?“ „Es ist nur ein kurzer Weg, Madame“, sagt ein alter Herr und weist auf den steilen Kopfsteinpfad. Ich bedanke mich artig in bestem Schulfranzösisch. „Joyeux“, lächelt er, was so viel bedeutet wie gern. Und klingt dabei, als freue es ihn, dass wir uns auf den Weg zu „seinem“ Voltaire, dem einstigen Wohltäter der Stadt, gemacht haben. Voltaire, der 1758 das Dorf und Schloss Ferney erworben hatte, baute nicht nur 100 Häuser für die Einwohner und eine Schule, er gab dem Dorf auch zinsfreie Darlehen und ernährte die Einwohner in Zeiten der Not. Es heißt, er bewässerte, legte Sümpfe trocken, teilte sein Know-how in Bezug auf Landwirtschaft und Viehzucht, siedelte im Dorf eine Uhrenindustrie an. Die Jahre in Ferney genoss er als produktiven Unruhestand: kämpfte für die Abschaffung der Leibeigenschaft der Bauern. In der Nähe von Grenzen zu leben, ermöglichte ihm, sich im Fall von Verfolgung durch die Obrigkeit sich schnell absetzen zu können. Ein gepackter Koffer sowie Geld in unterschiedlicher Währung lagen stets parat.

 

Linke Seitenansicht von Château Ferney-Voltaire (Foto: privat)

 

Der kleine Museumsladen am Schloss mit Publikationen und Andenken hat gerade seine Pforte geschlossen, 15 Minuten zu früh! Die junge Dame auf dem Weg in die Mittagspause bleibt unerbittlich. Erst um 14.30 Uhr öffne sie wieder. So viel Zeit haben wir nicht! Die Führung ende aber in wenigen Minuten. Wenn wir uns beeilen, könnten wir die Führerin noch erwischen und einen Blick vom Interieur erhaschen. Und tatsächlich! Die Tür öffnet sich, spuckt eine Gruppe Touristen aus. Im Telegrammstil berichte ich der Führerin vom Erfolg der Candide Ausstellung in Haltern, meine ausgiebige Korrespondenz in Zusammenhang mit Artikeln zum Thema und unterstreiche meine Worte, indem ich sie mit einem Hauch „La Femme de Candide“-Duft besprühe.Und voilà, er w i r k t! Im Sauseschritt werden wir durch das Erdgeschoss der Gartenseite geschleust, werfen einen Blick in ein als Voltaires Schlafzimmer rekonstruiertes Zimmer mit Baldachin über dem Bett. Der „grüne“ Raum mit Gemälden, erfahren wir, war ursprünglich das Schlafzimmer Voltaires. In dem kleinen Salon - mit Ausgang zum Park entdecken wir neben der Pyramidal-Form, die einst Voltaires Herz einschloss, mit Entdeckerfreude das auf Atlasseide gezeichneten Portrait von Catharina II., von ihr selbst mit Blumenwerk umstickt, sowie ein Exemplar der Radierung vom „Vue de l’Interieure de la Chambre der Voltaire“, das wir rechtzeitig zur Ausstellung in Haltern zufällig auf einer Messe in Münster erstanden hatten. Im Wohnraum mit der Bibliothek im Ostflügel hätten wir gern länger verweilt.

Die zahlreichen Bronzeplastiken und Büsten, die Voltaire und seinen Geist vergegenwärtigen, dürfen wir ohne Einwilligung des Schlossverwalters Francois-Xavier Verger nicht fotografieren. Und dieser ist in dem Moment nicht präsent, leider! Unsere Zeit ist um. Die Räume von Madame Denis müssen warten.

Aber die Gärten stehen uns offen, so lange wir mögen – Voltaires Garten Eden. Hier auf Ferney hatte er mit Verve den Aufruf seines Protagonisten Candide: „Il faut cultiver notre jardin“ (Wir müssen unseren Garten bestellen) befolgt. Und so sind diese historischen Gärten, auch wenn er zu seiner Zeit sicherlich anders aussah, ein Zeugnis von Voltaires vielseitigen Interessen.

Skulptur in Sarkophagform. Übersetzung der Inschrift: "Eines der ersten Dinge, die ich am Ufer erblickte, war der tote Körper von Virginie“ . Zitat aus dem Roman Paul et Virginie“ von Jacques-Henri Bernadin de Saint-Pierre (1737-1814), veröffentlicht 1788 (Foto: privat)

 

Gartenansicht Schloss Ferney-Voltaire. Hier hat Voltaire gern mit Gästen aus ganz Europa getafelt und diskutiert. (Foto: privat)

 

Ein nicht gefluteter Teich mit Blätterteppich und Bronze-Plastik eines Knaben auf Delphin (Foto: privat)

 

Mädchen mit Sense (Bronze-Plastik, Foto: privat)

 

Die von Voltaire restaurierte Schlosskapelle, die einzige Kirche in Frankreich, die Gott direkt gewidmet ist: Deo erexit - „ VOLTAIRE“ ist in größeren Buchstaben als „ Gott“. Eine Metallgabel verschließt die Kirche. Seitdem der Staat 1999 das Anwesen erwarb, befindet sich die Kirche im Dornröschenschlaf, wartet auf den Kuss - die Restaurierung (Foto: privat)

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