Freunde der Stadtbücherei Haltern am See e.V.

 

Haltern und die Hanse

Bernhard E. Köster, Haltern am See, Ex Libris 1/1998

Wir schreiben das Jahr 1419. Es war ein Jahr wie viele andere, das jedoch von dem Tode des böhmischen Königs Wenzel IV überschattet wurde. Wenige Jahre zuvor (1411) hatte der deutsche Orden im ersten Thorner Frieden die litauische Provinz Schamatien verloren. Zwei Jahre später, im Jahre 1413, hatten sich der polnische und der litauische Adel zusammengeschlossen und einen gemeinsamen Reichstag einberufen, der dafür sorgte, daß zukünftig beide Länder nur einem gemeinsamen Herrscher unterstanden.

Ingrid KisslingFür die Hansekaufleute des Ostens war dadurch eine neue Situation entstanden, die sie vermutlich mit Sorge betrachteten. Weitere Sorgen bereitete den Kaufmannschaften aber auch das Wetter. Auf der Nordhalbkugel hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich das Klima verschoben. Es war kälter geworden, was dazu führte, daß die Winter länger und die Stürme heftiger wurden. Darum mußten auch um 1419 die letzten von Norwegern bewohnten Siedlungen, die sie vor Jahrhunderten auf Grönland gegründet hatten, aufgegeben werden.

Vor allem die Bergenfahrerkompanie, eine fest organisierte, auf genossenschaftlicher Basis operierende Gruppe von Lübecker Kaufleuten, hatte unter diesen Verhältnissen zu leiden, denn die norwegische Stadt Bergen war nur mit dem Schiff zu erreichen und lag im hohen Norden am Rande der damals zivilisierten Welt.

Der mittelalterliche Mensch empfand diesen Ort als schrecklich. So beschreibt der schwäbische Meistersinger Michael Behaim Mitte des 15. Jahrhunderts in einem Reisebericht die Bergen umgebende Gebirgslandschaft: „Nie in seinem Leben habe er ein häßlicheres, wilderes und seltsameres Land gesehen — nichts als Felswände, so weit das Auge reiche. Berge und Täler von steilen Gesteinswänden und mitten dazwischen das brausende Meer. Es graue einem, wenn man nur den Blick nach oben richte, das Auge finde nichts als seltsam geformte Felsen.“

Halterner Kaufleute in der Hanse

Dennoch lebten hier viele deutsche Kaufleute und Handwerker. Von den etwa 6000 Einwohnern, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Bergen lebten, waren rund 1/3 Deutsche. Die Fahrt von Lübeck nach Bergen dauerte damals 3-4 Wochen und war äußerst gefährlich. Unzählige kleine Inseln, die Schären sowie Skagerak und Kattegat mußten überwunden werden und manch ein Schiff ging zugrunde, bevor es Bergen je erreichte.

Diese Gefahren veranlaßte die hansischen Kaufleute, vor ihrer Abreise ihr Testament aufzurichten und beim Rat der Stadt Lübeck zu hinterlegen. Ein Großteil dieser Testamente konnte so die Jahrhunderte im Lübecker Stadtarchiv überdauern. Einer derjenigen, die ein solches Testament aufrichteten, war der aus Haltern gebürtige Johann Trage, der es als Kaufmann und Bergenfahrer zu Ansehen und Vermögen gebracht hatte.

Am „Värden vridags na paschen“ (12. Mai) erschien er vor dem Rat und hinterlegte sein Testament, in dem er sein Vermögen genau aufteilte. Wie die meisten Zeitgenossen war Johann Trage in frommer Mann. Er begann sein Testament deshalb mit der Auflage, daß, im Falle seines Todes sechs Wallfahrten in folgender Reihenfolge stattzufinden hätten:

Solche Wallfahrten und ebenso fromme Werke waren damals keine Seltenheit. Ein besonderes Beispiel für eine derartige Frömmigkeit war ein anderer Bergenfahrer, Ludeke Dinning aus Telgte. Er reiste nicht nur persönlich nach Jerusalem und setzte dann noch einmal 140 Golddukaten für eine Wiederholung der Fahrt durch einen Beauftragten aus, sondern war auch der vermutliche Stifter des Gnadenbildes zu Telgte.

Auch Johann Trage machte in seinem Testament fromme Stiftungen. Zunächst spendete er den Mönchen des Klosters Munklebe bei Bergen eine, „halb Last Teer“ zum Bau ihres Klosters. Ebenso den Grauen Mönchen (Minoriten) zu Bergen. Dann folgten fünf Spenden an die Armen zu Bergen. Erstens sollten allgemein 15 lübische Mark den Armen zukommen. Zweitens sollten fünf Seebäder verabreicht werden. (Solche Seebäder wurden in der Regel am Sterbetag des Spenders den Armen verabreicht. Die durch ein Bad und eine in der Regel damit verbundene Mahlzeit erquickten Armen sollten veranlaßt werden, für das Seelenheil des Spenders zu beten). Drittens sollten die Gebadeten je einen Pfennig erhalten (für etwa 12 Pfennig erhielt man damals einen Hammel). Viertens sollten 12 Arme (12 ist die Zahl der Apostel) neu eingekleidet werden und fünftens sollten 12 Arme mit Schuhen ausgestattet werden.

Auch seine Vaterstadt vergaß Johann Trage nicht. Der Stadt Haltern vermachte er zu milden Zwecken die nicht geringe Summe von 162 lübischen Mark und darüber hinaus stiftete er wiederum Kleidung und 20 rheinische Gulden für 12 arme Halterner Bürger. Erst im Anschluß an seine frommen Werke kam endlich seine eigene Familie an die Reihe. Seinem Oheim hinterließ Johann Trage seinen Anteil an den (Lager-) Häusern in Bergen. Seinem Knecht Hans Boestorpe sowie seinem Lehrling Hans Dynningtorpe vererbte er je 10 lübische Mark. Seiner Tochter Katharinen zu Bergeil sollten 40 lübische Mark zukommen. Die Ehefrau des Johann Trage hatte bei ihrer Heirat 200 Mark mit in die Ehe gebracht und bei einer Handelsgesellschaft für ihren Gatten hinterlegt. Sie sollte im Falle seines Todes ihre gesamt Mitgift zurückerhalten und darüber hinaus 400 Mark. Sollte aus dieser Ehe noch ein Kind geboren werden, hinterließ er diesem 600 Mark. An weitere Personen vermachte Johann Trage 210 Mark. Den eventuellen Rest seines Vermögens hinterließ er zu gleichen Teilen sogenannten Hausarmen in Lübeck und Bergen. Das Testament schließt mit der Beurkundung durch 4 Zeugen.

Wann Johann Trage gestorben ist oder wo er begraben wurde, wissen wir nicht. Auch nichts über den Verbleib seiner Stiftung an die Stadt und die Armen Halterns (sofern diese je zustande kamen). Ein paarmal noch taucht Johann Trage in anderen Urkunden namentlich auf. Einmal zusammen mit einem Lambernt van Hullren, also aus Hullern — oder mit seinem Partner Hindrik Arndes aus Hamm. Ob Hindrik Arndes aus Hamm-Bossendorf oder aus Hamm/Westfalen stammt, kann heute nicht mehr gesagt werden. Längst sind die Genannten, ihre Werke und Taten, bis auf die wenigen schriftlichen Überbleibsel, vergessen.

Doch Johann Trage war nicht der einzige Halteraner, der es zur Hansezeit zu Ansehen und Vermögen gebracht hatte. Und auch die Stadt Haltern selbst spielte als „Hansestadt“ im Gefüge der hansischen Organisation eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Doch nur weniges aus dieser Zeit wurde schriftlich überliefert, denn Haltern war zur Zeit der Hanse nur ein kleiner Ort mit ungefähr 600—1000 Einwohnern, die vermutlich in der Hauptsache Ackerbürger oder Handwerker waren.

Als landtagsfähige Stadt des Fürstbistums Münster war Haltern und damit seine Bürgerschaft berechtigt, hansische Privilegien zu nutzen. Dadurch taucht hier und da der Namen Haltern aus dem Dunkel der Geschichte auf: Da stieg ein Bernd von Haltern in Reval zum Mitglied des Rates auf, den er von 1380—1392 angehörte. Vermutlich war diese Person identisch mit einem Bernhard von Haltern, der 1378 in einem Revaler Zollbuch genannt wurde. Zwei Jahre zuvor wanderte ein „von Haltern“ in Danzig ein, und schon vor 1260 war der Name Haltern als Herkunftsbezeichnung in Rostock belegt. Auch in Stralsund und Flensburg begegnet uns der Name, ebenso im Westen, in Köln 1491, in Wesel 1582, in Antwerpen 1575.

Haltern ist Mitglied der Hanse (1469)

Politisch läßt sich die Geschichte der „Hansestadt“ etwas besser nachvollziehen. So wissen wir, daß am 25. Sept. 1469 Haltern auf einer, von Köln aufgestellten Liste, als zur Hanse gehörige Stadt bezeichnet wurde. Darüber hinaus verdanken wir einem Mahnschreiben der Stadt Lübeck vom Mai 1470 eine umfangreiche Liste münsterischer Beistädte. Die kleinen Städte wurden darin aufgefordert, zu den Kosten der Gemeinschaft selbst dann beizutragen, wenn sie kein Recht hätten, selbst „Tragfahrten“ zu beschicken. Schließlich würden‘ die kleinen Städte durch ihre Prinzipalstädte vertreten und ja auch sämtliche Hanseprivilegien in Anspruch nehmen.

Auch Haltern erhielt eine solche Mahnung. Wenige Jahre später, im Jahre 1496, erlebte Haltern einen hansischen Höhepunkt. Das (rheinisch-) westfälische Quartier wählte Haltern zum Tagungsort. Die Versammlung fand am 11.August statt. Von da an bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts haben wir keine urkundliche Nachricht über hansische Aktivitäten unserer Stadt. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die Zugehörigkeit zur Hanse und deren Probleme nur ein Aspekt für die Stadt war, den sie zu berücksichtigen hatte.

Inzwischen, etwa um 1550, tagten die kleinen Hansestädte des Münsterlandes regelmäßig untereinander. War es früherer die Regel gewesen, Beiträge nur dann zu erheben, wenn ein Grund vorlag, wie etwa die Ausrüstung eines Kriegsschiffs zum Schutz gegen Piraten oder der Neubau eines Kontors im Ausland, so hatten sich jetzt feste Beiträge durchgesetzt. Die Höhe dieser Beiträge, Kontributionen genannt, und deren Verteilung untereinander war das Hauptthema auf jeder Zusammenkunft. Die Städte des Braemquartiers tagten in der Regel auf der sogenannten „Borger Hegge“, einem Gebäude auf der Strecke zwischen Borken und Ramsdorf.

1564 wird Münster und damit auch Haltern, zur Kostendeckung eines Hansehauses in Antwerpen herangezogen. Der Neubau war notwendig geworden, weil sich die Handelsströme von Brügge nach Antwerpen verlagert hatten. Henri Sundermann, der Syndikus der Hanse in Antwerpen, setzten diesen Prachtbau, der leider 1893 vollständig niederbrannte, durch. Sein Ziel war es, für die hansischen Kaufleute einen Komplex zu schaffen, der gleichzeitig als Büro, Clubhaus, Hotel und Lager diente. Das Haus war 80 Meter lang, 62 Meter breit und hatte 113 Zimmer.

Türkensteuer

Zwei Jahre später, 1566/57, werden die Hansestädte aufgefordert, einen Beitrag zur Türkensteuer zu leisten. Wie zuvor schieben die Kleinstädte die Zahlung hinaus. 1570 schickt Münster an seine Städte eine Rechnung. Sie weist Ausgaben in Höhe von 4.000 Talern aus. Keine der zugewandten Städte, auch Haltern, hat seit 1549 die geforderten Abgaben überwiesen. Münster ist bereit, 3.000 Taler selbst zu tragen. 1.000 Taler sollen die kleinen Städte übernehmen. Auf das Braemquartier kommen somit Kontributionen in Höhe von 500 Talern zu. Die Hälfte der Summe wird 1571 beglichen. Die Eintreibung der zweiten Hälfte macht aber Schwierigkeiten. Erstmals drohen einige Städte mit dem Austritt. Erst nach zähen Verhandlungen zahlen die Städte des Braemquartiers die restlichen 250 Taler. Haltern muß davon übrigens nur 30 Taler aufbringen, die zweitniedrigste Summe im Stift überhaupt.

Verteidigung Revals

Als Reval 1575 von den Russen angegriffen wird, stehen neue Kontributionen ins Haus. Aber nach dem Motto „Was kümmert mich Reval, wenn ich dafür zahlen muß“ erklärt Bocholt seinen Austritt aus der Hanse. Auch Haltern und die anderen Städte drohen mit Austritt. Erst 1577 wird dann doch der für Revals Verteidigung notwendige, aber stark gekürzte Betrag überwiesen. Haltern zahlt noch einmal 30 Taler. 1580 entbrennt der Streit um die Beiträge aufs neue. Haltern erklärt in einem Schreiben vom 21. Juni 1580 erstmals seinen Austritt aus dem Hansebund. Nach zwei Monaten einigt man sich mit Münster. Haltern wird wieder Mitglied, 1585 wird Ernst von Bayern neuer Fürstbischof in Münster. Er, ein Witteisbacher und absolutistischer Fürst, war nicht bereit, die Landtagsfähigkeit und damit die Mitsprache der kleinen Städte in Landesangelegenheiten zu dulden.

Harte Auseinandersetzungen zwischen den Kleinstädten und dem Fürstbischof bestimmten die folgenden Jahre, von denen auch die Hansezugehörigkeit nicht ausgenommen wurde. Aber statt sich politisch im Hansebund enger zusammenzuschließen und sich gemeinsam zu wehren, beschränkten sich Haltern und die anderen Städte des Braemquartiers darauf, um die Höhe der Beiträge zu feilschen. Diesen hartnäckigen „Krämergeist“ bekam allerdings auch der Bischof zu spüren. Als dieser 1592, wie Halterner meinten, unberechtigterweise Vieh für rückständige Steuern pfändete, holten sich die Halterner Bürger das in der Nacht abgetriebene Vieh unter Waffenandrohung zurück.

Halterns Austritt aus der Hanse

Doch zurück zur Hanse. Die Mitgliedschaft Halterns ging dem Ende entgegen. 1609 und 1611 zahlt Haltern nochmals Beiträge. Im selben Jahr tritt die Stadt ein zweites Mal aus dem Hansebund aus. Allerdings können noch für 1616 und 1619 Beitragszahlungen der Stadt nachgewiesen werden.Am 30. Oktober 1619 bittet Münster nochmals um Zahlung fähiger Kontributionen. Dieses Mahnschreiben ist das letzte Zeugnis hansischer Zugehörigkeit Halterns.

Bleibt eigentlich nur noch die Frage offen, womit die „Halterner Kaufmannschaft“ eigentlich gehandelt haben könnte bzw. welche Funktion die Stadt Haltern als „Hansestadt“ für die Gemeinschaft gespielt haben könnte. Nun, wir wissen, daß Haltern einst einen Flußhafen mit Kran besaß sowie über einige Speichergebäude verfügte. Und wissen wir, daß z.B. Wesel das Stapelrecht für Baumberger Sandstein hatte und wir wissen, daß in Haltern von jeher eine Vielzahl von Mühlsteinhändlern ansässig war. Das Adreßbuch für Westfalen von 1830 weist von 15 Gewerbetreibenden rd. die Hälfte als Mühlsteinhändler aus. Ebenso wies der Historiker Werner Koppe schon vor einigen Jahren auf eine Urkunde hin, aus der hervorging, daß mit Hilfe des Halterner Krans Ziegel für den Bau der Jesuitenkirche in Münster entladen wurden.

So kann man vielleicht den Schluß ziehen, daß Haltern besonders im Bereich des Schwerlasttransportes für das Fürstbistum eine bedeutende Rolle spielte. Vor allem, nachdem die westlichen Gebiete Westfalens an die Niederlande gefallen waren und auch die Herrschaft Delmenhorst widerrechtlich von den Herzögen von Oldenburg besetzt wurde. Nach dieser Zeit hatte das Fürstbistum Münster nur noch über die Lippe die Möglichkeit, auf dem Wasserwege Güter zu exportieren. Wir wissen auch, daß Haltern als Wegzollstation diente.

Heute erinnert nur noch die Flurbezeichnung „Lippspieker“ mit der alten Bezeichnung „Douanen-(Zoll-) knapp“ an die Zeit, als Haltern Teil der ersten europäischen Handelsvereinigung war.

Literatur

| Site Map | © Freunde der Stadtbücherei Haltern am See e.V.